Die 94-jährige Geschichte des Schwimmkrans "Langer Heinrich"
1915 - 2009
In Wilhelmshaven hat es zwei konstruktiv verschiedene Krane mit der Bezeichnung "Langer Heinrich" gegeben. Beim ersten handelte es sich um einen 1886 konstruierten Typ des Scherenkrans. Dieser hatte den Nachteil, daß bei geneigtem Ausleger der Kran nicht dicht genug an größere Schiffe herangebracht werden konnte und der Kranführer vom Ponton aus nur einen geringen Überblick hatte. Zudem war die Tragkraft beschränkt bzw. nicht mehr ausreichend.
Eine Weiterentwicklung stellte der Wippauslegerkran dar, bei dem die geraden Streben durch einen hakenförmig geknickten Ausleger, der durch eine Spindel auch unter Last an seiner Unterkante gewippt werden kann, ersetzt worden sind. Ein solcher Schwimmkran kann sich besser über ein Schiff neigen. Ein Kran solchen Types befand sich beispielsweise auf der Kaiserlichen Werft in Danzig.

Der nächste Schritt war der Schwimmdrehkran. In der ersten Form ruhte der Wippausleger auf einer Drehscheibe mit Rollen auf einem Schienenkranz. Ein solcher Drehscheibenwippschwimmkran von 100 t Tragkraft befand sich auf dem La Plata in Argentinien, der dank Eigenantrieb beachtliche 8 kn fahren konnte.
Bei der zweiten Form des Schwimmdrehkrans ist die (gedachte) Auslegerdrehachse an der oberen Vorderseite eines Eisenfachwerkgerüstes angebracht, das wie eine Glocke drehbar über einen festen pyramidenförmigen Bock gestülpt und am Fuß von einem Drehkranz geführt wird; daher bezeichnet man diesen Typ auch als Glockenwippschwimmkran. Der Ausleger wird durch eine Gelenkstange mit einem Gegengewicht verbunden, das sich an der Rückseite des Gerüstes in einem senkrechten Schienenrahmen befindet und ebenfalls durch eine Schraubenspindel reguliert werden kann. Flutbare Ballastkammern im Ponton sorgen für Stabilität auch bei großer einseitiger Belastung. Der dreh- und aufrichtbare Wippkran kann bequem die gehobene Last auf dem Schwimmponton ablegen, und dieser bringt sie dann an die gewünschte Stelle des Hafens.
Unser "Langer Heinrich" , der zweite seines "Spitznamens", offiziell auf der Kriegsmarinewerft unter der Bezeichnung "Großer Schwimmkran I" geführt, ist von dieser Bauart und wurde 1913-1915 von der deutschen Maschinenfabrik AG Duisburg (DEMAG, heute DEMAG cranes) der Schwimmkörper von der AG Weser in Bremen, gefertigt. Zehn Jahre lang war er der größte Schwimmkran der Welt, bis er von anderen Kranen, die ebenfalls von der DEMAG gebaut wurden, verdrängt wurde. So wurde 1935 ein Kran mit 300 t nach Brest geliefert, 1939 vier Krane mit 350 t und in den 50ern sogar ein Kran mit 400 t gebaut. Auch nach Kalifornien und an den Panama-Kanal wurden solche Krane geliefert. Der kalifornische Kran (inoffizieller Name: "Herman the german") existiert ebenfalls noch. Auch er arbeitet heute im Bereich des Panama-Kanals.

Der "Lange Heinrich" hat eine Verdrängung von rund 4.000 t , der Ponton mißt 50,4*30,8*3,0 m. Die beiden Schrauben wurden durch zwei stehende Dreifach-Dampfmaschinen von zusammen 1.000 PS angetrieben, die den Kran mit 4-6 kn bewegten. Später (in Bremerhaven) wurden vier 6-Zylinder-Dieselmotoren eingebaut. Für den Kranbetrieb erzeugten zwei Turbo-Dynamos den Strom für die Hub- und Drehmotoren. Es gab fünf elektrische Hebewerke von 10 t, 20 t, 50 t und zwei mal 125 t, die über eine Traverse zu 250 t Tragkraft gekoppelt werden konnten.
Er diente von 1915 bis 1944 auf der Wilhelmshavener Werft und bot ihren Angehörigen wie denen der Kaiserlichen Marine, der Reichs- und Kriegsmarine einen vertrautem Anblick. Die nach dem Versailler Vertrag geforderte Auslieferung unterblieb wegen angeblich mangelnder Seefähigkeit. Stattdessen lieferte die DEMAG dem "Sieger", nämlich der Royal Navy in Portsmouth, 1919 einen Bruder des "Langen Heinrich" von ebenfalls 250 t Tragkraft.
Der Kran wurde hauptsächlich beim Schiffneubau bzw. bei Reparaturen eingesetzt. Insbesondere die schweren Geschützrohre, die teilweise über 100 t wogen, konnen nur von ihm eingesetzt werden. Aber auch andernorts war er ab und an tätig. So setzte der "Lange Heinrich" 1929 in Bremen die Turbinen und Teile der Schornsteinummantelung in den neuen Schnelldampfer "Bremen" des norddeutschen Lloyd ein. Ab 1938 stand er für mehr als zwei Jahrzehnte unter der Führung von Kapitän Eduard Steinmeyer. Er half beim Bau der vier Leichten Kreuzer "Emden", "Köln", "Königsberg" und "Leipzig", der Panzerschiffe "Admiral Scheer" und "Admiral Graf Spee", sowie bei den Schlachtschiffen "Scharnhorst" und "Tirpitz" mit.
Der Kran war dabei aber nicht nur im Bauhafen, also im eigentlichen Werftbereich tätig, sondern auch im Tirpitz-Hafen (dem heutigen Banter See), wo das große 40.000 t Schwimmdock lag. In den 20er Jahren wurde er auch bevorzugt von den zahlreichen Schiffsabwrackwerften gemietet, um größere Teile zu heben. Bei der Wilhelmshavener Schiffswerft und Maschinebauanstalt, die im Beeich des Südufers am Zwischenhafen (heute Banter See; im Bereich Klein Wangerooge) lag, wurde er häufiger zum "Stapellauf" der Neubauten gerufen. Da die Werft über keine eigene Helling verfügte, wurden die Neubauten vom "Heini" angehoben und ins Wasser gesetzt.
Bei den Fahrten zwischen den Arbeitsplätzen (Bauhafen und Schwimmdock) mußte er immer die Kaiser-Wilhelm-Brücke passieren. Bei einer Fahrt entstand das berühmteste Foto des Krans, das die Startseite von www.langer-heinrich.de.vu ziert. Eine Unmenge von Postkarten, die immer wieder leicht modofiziert worden sind, wurden mit diesem Motiv gedruckt. Das Bild, welches Anfang 1920 geschossen worden ist, wurde über mindestens 2 Jahrzehnte als Postkartenmotiv gewählt. Im Archiv des Verfasser befinden sich Postkarten, die 1943 abgestempelt worden ist. Wohl kein zweites (identisches) Motiv wurde derart lange für Postkarten genutzt.
Ab 1937 hat es noch einen weiteren Großschwimmkran in Wilhelmshaven gegeben. Es handelt sich hierbei ebenfalls um einen Kran der DEMAG, der allerdings "nur" 150 t Hubkraft besaß. Aus der Ferne betrachtet, konnte man die Krane durchaus verwechseln, bei genauerem Hinsehen erkennt man aber einen deutlich anderen Auslegertypus. Über diesen Schwimmkran sind bis dato leider keinerlei Informationen wie Tonnage oder Lebenslauf bekannt.
Am 10. Mai 1944 mußte der "Lange Heinrich" mit Hilfe zweier Schlepper ("Mövensteert" und "Memmert") in sechsstündiger Fahrt nach Bremerhaven und weiter nach Bremen geschleppt werden, um Schiffswracks nach schweren Bombenangriffen zu bergen. Bei der Überführung wurde der Kran ganz gerade aufgetoppt und in dieser Stellung verschweißt, um unerwünschte Bewegungen zu verhindern. In Bemerhaven war er bis Kriegsende für die AG Weser beim Bau von Ubooten beteiligt.
Am 1. Juni 1945 wurde der "Lange Heinrich" von der US Navy als Beutegut übernommen und als "BD 6000" bezeichnet. Er half weiter bei Aufräumarbeiten in den Bremer Häfen. So setzte er zum Beispiel ein 200 t schweres Brückenteil einer zerstörten Weserbrücke unter den Augen von über 4.000 Besuchern ein.

Ab 1950 war der Kran fest in Bremerhaven stationiert, wo er 1958 von der Bundesrepublik Deutschland gechartert wurde (zum symbolischen Preis von 1 DM/Jahr). Er wurde daraufhin für 4 Millionen Mark modernisiert (Ausbau der Dampfmaschinen und Einbau von Dieselmotoren, neue elektrische Leitungen etc.). 1981 wurde er dann von den Amerikanern zur Versteigerung freigegeben. Ein auf reiche Abnehmer im Orient spekulierender Brite kaufte den Kran, konnte ihn aber nicht veräußern, sodaß er ihn für 330.000 DM an die Bremerhavener Motorenwerke verkaufte. 120.000 DM mußten für erneute Instandsetzungsarbeiten ausgegeben werden, von denen 100.000 DM von der Stadt Bremerhaven getragen wurden.
1985 wurde der Kran nach Italien verkauft. Auf einem 10.000 t Ponton wurde er durch den Ärmelkanal, Gibraltar und durch das Mittelmeer nach St. Antioco geschleppt (siehe hierfür auch die Bildergalerien). Im Hafen von St. Antioco diente er 10 Jahre bei der Entladung von Kohlefrachtern (er hievte sogenannte "Cavaletti" in die Massengutfrachter). Zudem erhielt er einen neuen Namen: "Maestrale". 1996 wurde er nach Genua verkauft. Seit 1997 ist er in Besitz von Herrn Zamponi, Inhaber der gleichnamigen Schiffsreparaturwerft in Genua.
Zu diesem Zeitpunkt war der Kran in einem sehr schlechten Zustand. "Heini" wurde in einem ersten Schritt soweit restauriert, daß er erneut seine Zulassung erhalten hat und weiterhin als Schwimmkran arbeiten konnte. Seit 2005 wird der Kran einer intensiven Grundinstandsetzung unterzogen. Herr Zamponi, der ein begeisterter Techniker und ein großer Freund der Marine ist, hat keine Kosten gescheut, den Kran wieder herzurichten. Der Kran wurde komplett entrostet und neu gestrichen. Der aktuelle Farbton ist ein blau-grau, welcher sehr dem jetzigen der Kaiser-Wilhelm-Bücke ähnelt.
9.000 Nieten wurden ersetzt, sowie 110 t Stahlträger ausgetauscht, überholt und anschließend wieder in den Kran eingeschweißt. Über 4 km Kabel wurden neu verlegt. Zudem wurden die Dieselmotoren überholt und eine neue Küche eingebaut. Besonders hervorzuheben ist allerdings auch, daß Herr Zamponi "aus Respekt vor dem Alter und der Leistung des Krans" (O-Ton) den Kran zurückbenannt hat! Er heißt nun wieder ganz offiziell "Langer Henirich"!
Eine Hürde hatte der Kran, der mittlerweile auch unter italienischem Denkmalschutz steht, allerdings im Februar 2008 noch zu meistern: die TÜV-Abnahme. Alle 5 Jahre muß sich in Italien ein Kran einer Abnahme stellen. Hierfür werden 110% der Nennlast angesetzt. Der Lange Heinrich mußte daher riesige mit Wasser gefüllte Säcke, die zusammen 275 t wogen, heben und sich einmal um seine eigene Achse drehen. Aber auch diese Prüfung wurde anstandslos erledigt. Der Kran hat nun wieder die offizielle Zulassung bis 2013.
Die Zukunft des mittlerweile 94 Jahre alten Krans ist offen. Herr Zamponi wird ihn nach wie vor als Schwimmkran bei Reparaturarbeiten in Genau, dem wichtigsten Hafen Italiens, einsetzen. Gleichzeitig signalisierte er aber auch Interesse an einer Rückführung in seine Heimatstadt Wilhelmshaven. Sollte es vielleicht möglich sein, die drei Wahrzeichen Kaiser-Wilhelm-Brücke, Südzentrale und Langer Heinrich (siehe Hauptbild auf der Startseite) erneut zu vereinen?